Verkehrte Corona-Welt; Kommentar

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Foto: Kay Herschelmann

Von Ilka Hoffmann, Vorstandsmitglied Schule der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)

In der Corona-Krise werden Lehrkräfte zunehmend in die Sündenbock-Rolle gedrängt: zu egoistisch für den Einsatz an der Corona-Front, zu ungebildet für die Digitalisierung.

Unternehmen wir also mal einen kleinen Ausflug in die Realität. Nach einer Umfrage der GEW Hamburg beschert die Dreifachbelastung aus Notbetreuung, Online- und Präsenzunterricht den Lehrkräften im Schnitt ein Drittel Mehrarbeit. Laut einer GEW-Studie zum Digitalpakt sind 93 Prozent der Lehrkräfte für ihre Arbeit auf eigene Endgeräte angewiesen. Es fehlt an Unterstützung beim Datenschutz und an geeigneten Fortbildungsangeboten.

Zusätzlich bewegen sich die KollegInnen beim Online-Lernen auf dünnem Eis. Das Abspeichern sensibler Daten auf dem eigenen Computer ist ebenso problematisch wie die Nutzung datenhungriger sozialer Netzwerke und Plattformen. Wenn Lehrkräfte in ihrer Corona-Not auf das falsche Online-Pferd setzen, droht unter Umständen sogar, wie aktuell in Thüringen, ein Bußgeldverfahren wegen Verletzung des Datenschutzes.

Das ist ungefähr so, als würde man sich von seinem Untermieter die Wohnung putzen lassen, ohne Eimer, Wasser, Lappen und Reiniger zur Verfügung zu stellen, ihn dann aber verklagen, weil er angeblich das falsche Putzmittel benutzt hat. Der Vergleich ist übrigens gar nicht so weit hergeholt: Aktuelle Berichte aus dem Schulalltag zeigen, dass die Umsetzung der Hygiene-Konzepte ebenfalls stillschweigend auf Zusatzarbeit und milde Gaben der Lehrkräfte setzt, die sich nicht selten selbst um die nötigen Desinfektionsmittel kümmern müssen.

Lehrkräfte engagieren sich wie andere Beschäftigte nach Kräften, die außergewöhnlichen Anforderungen zu meistern. Sie sind dabei aber genauso verunsichert wie alle anderen. Was wir vor diesem Hintergrund am allerwenigsten brauchen, ist eine Kampagne gegen Lehrkräfte. Stattdessen müssen sich die Ministerien zur Mangel-Realität bekennen, die die Politik und sie selbst mit ihrer jahrelangen Sparsucht zu verantworten haben: zum Lehrkräftemangel, dem Mangel an geeigneten Fortbildungsangeboten (nicht nur) zur Digitalisierung, den baulichen und sanitären Mängeln in den Schulgebäuden.

Diese Probleme lassen sich nicht mit immer neuen Direktiven an die Schulen beheben. Notwendig ist ein runder Tisch mit Personalräten, Schulleitungen, Fachkräften aus den Ministerien, Eltern und Schülern, an dem ausgelotet wird, wie unter den gegebenen Bedingungen Lösungen für die schwierige Situation gefunden werden können.

Quelle: Beamten-Magazin 06/2020

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