Betroffene Beschäftigte vermissen den gesellschaftlichen Respekt; Interview

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Foto: istockphoto.com/Feodora Chiosea | Simone M. Neumann

Betroffene Beschäftigte vermissen den gesellschaftlichen Respekt

Die Zahl der Übergriffe auf Beschäftigte im öffentlichen und privatisierten Sektor steigt. Mit seiner Initiative Vergiss nie, hier arbeitet ein Mensch geht der DGB in den Dialog und fordert von Politik, Dienstherren und Arbeitgebern mehr Unterstützung. Es geht auch um mehr Personal und höhere Investitionen in Gebäude und Ausstattung. Wir haben die stellvertretende DGB Vorsitzende Elke Hannack befragt.

Die Beschäftigten-Befragung im Auftrag des DGB zeigt es schwarz auf weiß: Übergriffe auf Beschäftigte im öffentlichen und privatisierten Sektor sind weiter verbreitet als befürchtet. Hätten Sie die Dimensionen erwartet?

Angesichts der Fülle an Medienberichten zu dem Thema habe ich mit einer hohen Zahl gerechnet, aber nicht mit einer derart hohen. Knapp 67 Prozent der befragten Beschäftigten im öffentlichen und privatisierten Sektor wurden in den letzten zwei Jahren Opfer von verbaler oder körperlicher Gewalt. Zwei von drei Beschäftigten sind schon einmal beleidigt, bespuckt oder angegriffen worden. Es scheint, als gehörten Respektlosigkeiten und Übergriffe zunehmend zum Umgangston und zwar in allen Bevölkerungsschichten. Die Betroffenen finden wir jedenfalls in allen Bereichen, bei Polizei, Bahn, im Krankenhaus oder unter Müllwerkern. Mich beschäftigt, dass sehr viele von ihnen nach Übergriffen mit Angst, Stress und Schlafstörungen zu kämpfen haben. Ein Drittel der Befragten will nach einem Übergriff sogar die Tätigkeit wechseln.

Respektlosigkeiten und Übergriffe steigen seit Jahren. Woran liegt das?

Die Beschäftigen sind oftmals die Blitzableiter für Versäumnisse, die die Politik zu verantworten hat. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen das deutlich. Die Unzufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger mit dem öffentlichen Dienst hängt oft auch mit dem fehlenden Personal zusammen. Ob man nun keinen Termin auf dem Amt bekommt, Kitaplätze fehlen oder Züge ausfallen, das alles prägt das Bild des Staates. Dazu kommt, dass sich das Miteinander verändert hat und zwar nicht zum Besten. Fast alle der betroffenen Beschäftigten vermissen laut unserer Umfrage den gesellschaftlichen Respekt gegenüber anderen Menschen und gegenüber Beschäftigten im Dienst der Gesellschaft. Hier müssen wir ansetzen.

Was ist nun zu tun?

Die Übergriffe müssen endlich in ihrer Gesamtheit erfasst werden. Es kommt hier auch auf die Arbeitgeber an, die sich diesem Thema stärker widmen müssen als bisher, um nur die Stichwörter Prävention und Nachsorge zu nennen. Selbstverständlich ist jeder Übergriff einer zu viel und sollte strafrechtlich verfolgt werden. Aber wir müssen auch bei den Ursachen ansetzen. Und das fängt mit einer bedarfsgerechten Personalplanung für die öffentlichen Bereiche an. Für zu erledigende Aufgaben braucht es entsprechende Planstellen. Es kann nicht sein, dass die Politik jahrzehntelang Personal abbaut – wie in den kommunalen Bau- und Planungsämtern geschehen – und sich dann über verzögerte Genehmigungsverfahren für Straßen und Wohnungsneubauten wundert. Hier ist die Einsicht der Dienstherren und Arbeitgeber gefragt. Nach den jahrelangen Spar- und Kürzungsrunden hat sich ein regelrechter Investitionsstau aufgebaut, der endlich aufgelöst werden muss. Jetzt muss der Investtionsturbo angeschmissen werden – wir brauchen mehr Geld für eine moderne und funktionstüchtige Infrastruktur, für Gebäude und mehr Personal. Der Staat sollte in der Fläche einfach präsenter sein. Auch der Bildungsbereich muss gestärkt werden. In einem rohstoffarmen Land wie dem unseren entscheidet sich gerade hier die Zukunft. Zudem fördern gute Kitas und Schulen ebenso soziale Kompetenzen und einen respektvollen Umgang miteinander.

Quelle: Beamten-Magazin 02/2020

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