„Wir brauchen ein radikales Umdenken“; Interview

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„Wir brauchen ein radikales Umdenken“

Lisa Lewien (28) ist Mitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und seit 3 Jahren Teil des dreiköpfigen Sprecherteams der jungen GEW

Wie ist die Jugendarbeit in der GEW organisiert? Gibt es ein ausgeprägtes Interesse bei jungen Erwachsenen aktiv bei euch mitzuwirken?

Unsere Jugendarbeit ist grundsätzlich in zwei verschiedene Strukturen gegliedert. Wir haben einmal die junge GEW und dann noch die GEW Studis. Das ist vor allem daraus gewachsen, dass bei der jungen GEW vor allem junge BildungsarbeiterInnen organisiert sind und bei den GEW-Studis eben die jungen Mitglieder im Studium oder jungen Menschen im Bereich Hochschule und Forschung. Denn mit verschiedenen Lebenssituationen und Arbeitsfeldern ergeben sich natürlich auch unterschiedliche thematische Schwerpunkte. In vielen Landesverbänden findet sich diese Doppelstruktur oftmals nicht wieder, sondern je nach aktiven Mitgliedern gibt es mehr junge GEW-Aktive oder mehr GEW Studis. Auf Bundesebene arbeiten wir jedoch nach wie vor in dieser Doppel-Struktur. Das ist der Bundesausschuss der jungen GEW (BA) und der Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten (BASS).

Was das Mitwirken in unseren Strukturen angeht, haben wir auf Bundesebene den Luxus, dass unsere Gremien als Austauschort fungieren. Hier kommen die Aktiven, Interessierten und SprecherInnen der einzelnen Landesverbände zusammen. Das variiert, ist aber im Kern stabil. In den einzelnen Landesverbänden ist die Fluktuation stärker aber durch unsere teilweise kritischen Positionen zu aktuellen Geschehnissen, besteht durchaus in der Jugend Interesse, bei uns mitzuwirken.

Welche Themen beschäftigen euch als junge GEW derzeit oder wo drückt der Schuh besonders?

Für den BA gibt es zwei Dauerbrenner: Organisationsentwicklung und Antisemitismus. Aktuell steht vordergründig das Thema politischer Streik an. Wir wollen innerhalb der GEW und auch in der Gesellschaft verdeutlichen, dass politischer Streik ein wichtiges Mittel zum Erkämpfen von guten Arbeits- und Lebensbedingungen ist. Denn für viele, vor allem jüngere Mitglieder ist das Thema Entlohnung zwar noch relevant, wird aber immer mehr von der Frage nach den Arbeitsbedingungen abgelöst, welche nicht immer tariflich zu regeln sind. Hier geht es z. B. bei LehrerInnen um neue Schulkonzepte, bei ErzieherInnen um die Betreuungsschlüssel oder ganz grundsätzlich um die Arbeitsbelastung an sich. Gibt es genug Zeit für Vor- und Nachbereitung? Wie ist das mit der Work-Life-Balance?

Wo finden sich aus deiner Sicht Stellschrauben für einen Attraktivitätsgewinn des LehrerInnentums? Ist die Verbeamtung von Lehrkräften ein probates Mittel, um den LehrerInnenberuf attraktiver zu machen?

Ich halte die Verbeamtung für eine unreflektierte Verschleierung der eigentlichen Probleme. Ja, mehr Geld oder Versorgung im Alter durch die Pension sind wichtige Aspekte, aber es verschiebt sich. Auch die Arbeitsbedingungen (vor allem Arbeitszeit) werden zunehmend ausschlaggebend dafür, ob Interesse an dem Beruf besteht oder nicht. Das trifft ja nicht nur auf LehrerInnen zu. Verbeamtung umgeht diese Probleme evtl. für ein paar weitere Jahre, aber grundsätzliche Fragen werden dadurch nicht gelöst. Um den Beruf attraktiver zu gestalten, braucht es umfassendere Maßnahmen und die Frage: Wie kann guter Unterricht funktionieren? Welche neuen pädagogischen Konzepte braucht es? Wir brauchen ganz dringend ein radikales Umdenken, wenn es um unser Bildungssystem geht, Stichworte sind Inklusion, Chancengerechtigkeit und Teilhabe für alle. Andere Länder wie z. B. Schweden machen es uns bereits vor.

Was reizt dich an deiner Aufgabe, Sprecherin der Jungen GEW zu sein?

Ich bin, wie viele andere vermutlich auch, mehr oder weniger in dieses SprecherInnenteam gekommen, ohne lang darüber nachgedacht zu haben. Am Ende begeistert mich vor allem, dass ich Entwicklungsprozesse anders anstoßen und begleiten und die Anliegen der jungen Aktiven innerhalb der Bundesgremien mit einbringen kann, ohne mich dabei auf ein Thema festlegen zu müssen.

Quelle: Beamten-Magazin 07.-08/2019

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