„Die psychische und körperliche Belastung ist hoch“; Interview

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„Die psychische und körperliche Belastung ist hoch“

Norbert Wunder ist Vorsitzender der ver.di-Bundesfachkommission Rettungsdienste. Er arbeitet seit 1984 im kommunalen Rettungsdienst bei der Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH) in Elmshorn, nördlich von Hamburg. In seiner Wache hat er 65 KollegInnen, insgesamt zählt die RKiSH rund 1.200 Beschäftige. Mit dem Magazin für Beamtinnen und Beamte sprach er über Belastungen im Arbeitsalltag und Gründe für den zunehmenden Fachkräftemangel.

In Schleswig-Holstein ist der kommunale Rettungsdienst weit verbreitet. Was bedeutet das?

Den Rettungsdienst organisieren vielerorts die Hilfsorganisationen oder in den größeren Städten die Berufsfeuerwehren. Historisch bedingt gibt es im ehemaligen britischen Besatzungsgebiet eine stärkere kommunale Ausrichtung des Gesundheitssystems, auch bei unserem Rettungsdienst in Schleswig-Holstein. Früher waren wir Teil des Landkreises, mittlerweile sind wir ein kommunales Tochterunternehmen von fünf Kreisen. Es ist ein großer Vorteil, dass wir kommunal sind, dadurch haben wir nicht alle paar Jahre diese Schlachten um die Ausschreibungen. Wenn der Rettungsdienst im Wettbewerb vergeben wird, geht es immer um den Preis. Und damit geht es um Personalkosten, sprich ums Gehalt. Generell beobachte ich einen gewissen Trend zu kommunalen Rettungsdiensten. Auch viele Kommunen haben keine Lust mehr auf die Ausschreibungen, weil sie deren Kosten tragen müssen und komplizierte Widerspruchsverfahren drohen. Für uns ist es gut, wenn dann bei kommunalen Rettungsdiensten der TVöD zur Anwendung kommt.

Wie hat sich die Arbeit im Rettungsdienst in den letzten Jahren verändert?

Grundsätzlich ist es so, dass die Einsatzzahlen zunehmen, jedes Jahr um fünf bis zehn Prozent. Die geburtenstarken Jahrgänge kommen jetzt in ein Alter, in dem sie häufiger krank werden. Das spüren wir im gesamten Gesundheitswesen und dadurch bekommt auch der Rettungsdienst mehr Einsätze. Zum Rettungsdienst gehört ja, zumindest auf dem flachen Land, auch der qualifizierte Krankentransport, also zum Beispiel eine Fahrt zur Dialyse oder Spezialklinik. Auch dadurch sind heute viel mehr Fahrzeuge gebunden. Und wo früher der Hausarzt manchmal auch noch am Abend einen Rat geben konnte, wird heute schneller der Notruf gewählt. Gleichzeitig sind die Aufgaben viel umfangreicher geworden, die man im Arbeitsalltag auf dem Rettungsfahrzeug hat. Von den KollegInnen werden mehr eigenständig zu erbringende Leistungen erwartet. Es gibt Algorithmen, das sind Standard-Arbeitsanweisungen, an denen man sich orientiert und im Rettungswagen Checks und Untersuchungen durchführt und dann entsprechend die notwendigen medizinischen Maßnahmen ergreift. Dazu gibt es Schulungen und einmal im Jahr eine Prüfung.

Auch im Rettungsdienst wird mittlerweile von einem Fachkräftemangel gesprochen. Wie ist die Situation einzuschätzen?

Der Fachkräftemangel ist überall, flächendeckend. An vielen Orten in Deutschland stehen Rettungswagen still, weil es kein Personal gibt. Auf die demografische Entwicklung wurde nicht rechtzeitig reagiert. Wenn die Einsatzzahlen steigen, braucht es mehr Personal. Außerdem war die Bezahlung im Rettungsdienst lange schlecht. Seit 2017 haben wir im TVöD für diesen Bereich endlich eine bessere Eingruppierung, NotfallsanitäterInnen sind jetzt vergleichbar mit dem entsprechenden Pflegepersonal in Krankenhäusern. Seit 2014 gibt es endlich eine Ausbildungsvergütung. Aber jetzt sind wiederum die Ausbildungskapazitäten zu gering. Wir haben hier vor Ort zehnmal mehr Bewerbungen als Ausbildungsplätze. Das ist ein bundesweiter Trend.

Was sind denn die hauptsächlichen Belastungen der Beschäftigten im Rettungsdienst?

Belastend ist zunächst der Schichtdienst, keine Frage. Dann ist es für die Beschäftigten oft schwierig, ihre Pausen zu nehmen, die man insbesondere bei einer 12-Stunden-Schicht aber braucht. Und vor allem ist es die Wochenarbeitszeit, die wir leisten müssen. Der Regelfall ist, dass die Leute 48 Stunden in der Woche da sein müssen – Stichwort Arbeitsbereitschaft. Das Argument der Arbeitgeber für die 48 Stunden war immer, dass man im Rettungsdienst viel rumsitzen und auf den nächsten Einsatz warten würde. Aber das hat sich geändert. Die Frequenz der Einsätze steigt kontinuierlich, und damit die Belastung. Das Resultat ist, dass viele ihre Arbeitszeit auf eigene Kosten reduzieren. Und viele verlassen den Rettungsdienst, weil sie nicht mehr wollen oder können. Die psychische und körperliche Belastung ist hoch. Vierter Stock, ohne Fahrstuhl. Und viele Menschen haben heute auch keine DIN-Maße, das Tragen von PatientInnen ist also eine enorme körperliche Beanspruchung. Es braucht also Entlastung, und das nicht nur für die älteren Beschäftigten im Rettungsdienst.

Quelle: Beamten-Magazin 04/2019

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