„Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein“; Interview

„Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein“

Im Zuge des demografischen Wandels wird Wissensmanagement häufig als notwendiges Instrument dafür beschrieben, das Wissen von ausscheidenden Beschäftigten für die Institution zu bewahren. Ulrich Zuber, Referatsleiter in der Organisationsberatung des Bundesverwaltungsamtes, erklärt, warum Wissensmanagement viel grundlegender gedacht werden muss und wie es zu einer modernen Arbeitskultur innerhalb der Verwaltung beitragen kann.

magazin // Der digitale Wandel und die Arbeitskultur innerhalb der Verwaltung sind Ihrer Beobachtung nach nicht aufeinander abgestimmt. Woran machen Sie das fest?

Ulrich Zuber // Das Thema Arbeits- und Lebensqualität muss die Verwaltung in zwei Perspektiven beschäftigten: Zum einen muss sie auf einem kleiner werdenden Arbeitsmarkt eine digitale Arbeitsumgebung schaffen, die sie attraktiv macht. Es ist absehbar, dass die Beschäftigten national wie international ihre Arbeitgeber an deren jeweiligen betrieblichen wie gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auswählen. Zum anderen trifft die Zieldefinition Lebensqualität die Verwaltung besonders in den durchgängigen digitalen Kollaborationsprozessen mit den jeweiligen Zielgruppen in der Wirtschaft, mit den Bürgerinnen und Bürgern oder der Politik.

Die Verwaltung steht wie die Wirtschaft vor einem Paradigmenwechsel, nach dem Gesundheit, Lebensqualität und Wissen zunehmend von einer Eigenschaft zu einer Ressource und von einem Kosten- zu einem Erfolgsfaktor werden. Entsprechend wird sowohl in den Unternehmen als auch den Behörden Gesundheit und Wissen als erfolgskritisch konstatiert. Allerdings finden Studien und Konzepte für den Arbeitsplatz der Zukunft , in der Welle der Digitalisierung und Industrie/Verwaltung 4.0 kaum angemessene Verankerung. Die digitale Verwaltung sollte entgegen des technologiegetriebenen Trends selbstbewusst den Menschen und die Lebens- und Arbeitsqualität in den Fokus ihrer Investition stellen.

magazin // Sie sagen, ein professionelles Wissensmanagement ist ein Erfolgsfaktor für die Bewältigung des digitalen Wandels. Wie sieht die Umsetzung aus?

Ulrich Zuber // Nach mehr als 30 Jahren Verwaltungsmodernisierung mit Informationstechnologie ist anerkannt, dass der rein technokratische Ansatz über Hard- und Software den bestehenden und zukünftigen Herausforderungen zu begegnen, die möglichen Potenziale nicht angemessen heben werden. Dies gilt gerade für den digitalen Wandel und ein professionelles Wissensmanagement. Häufig bemüht man den Satz „Das kann nur Top-Down gelingen“. Dieser ist zwar richtig, allerdings auch nur mit einer neuen Ausrichtung: Der digitale Wandel und Wissensmanagement können nur gelingen, wenn der Wandel ganz oben anfängt und „von oben nach unten getragen wird“. Die Umsetzung muss in sogenannten Transformationswerkstätten erfolgen, die das gesamte Arbeitssystem auf den Prüfstand stellen. Sie reichen unter anderem von der Vision, der Strategie, über die Führungskräfteentwicklung bis zur Managementausrichtung und einer neuen fluiden Arbeitsorganisation, die IT in einer neuen Form einbindet.

magazin // Was ist Ihre Vision von der „Verwaltung der Zukunft“ und wie würden Sie die Beschäftigten auf dem Weg dorthin mitnehmen?

Ulrich Zuber // Die Digitalisierung der Verwaltung darf kein Selbstzweck sein, die hochglanzpolierte digitale und straffe Prozesse nur im Kontext von Effektivität und Effizienz hervorbringt. Sie muss einen neuen Arbeitsraum schaffen, der die Arbeits- und Lebensqualität im Blick behält, zum Beispiel durch Telearbeits- und Arbeitszeitmodelle. Trotz digitaler Möglichkeiten werden diese aufgrund eines tradierten Denkens oder engen Regeln nicht ausgeschöpft. Der Arbeitsraum der Zukunft unterstellt sich Werten und nicht allein Zielen oder wirtschaftlichen Interessen und prägt so eine Gesellschaft, die – gerade im demographischen Wandel – erhaltenswert, stabil und anziehend ist. Die digitale Verwaltung bietet anspruchsvolle und interessante Arbeitsplätze, entlastet die Beschäftigten von Routinen und ermöglicht ihnen ein gestaltendes, flexibles und mobiles Arbeiten. Wenn diese Ziele ernsthaft verfolgt werden, erkennen die Beschäftigten den Mehrwert. Dies schafft Motivation und kann auch die Akzeptanz dieses Wandels fördern. Die Beschäftigten sind viel aufgeschlossener als gemeinhin angenommen wird. Dazu gehört allerdings auch eine neue Kommunikation von Werten und Zielen des Wandels.

Quelle: Beamten-Magazin 07-08/2017

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