Zerrieben zwischen Idealismus und schlankem Staat; Norbert Hocke, Interview

Zerrieben zwischen Idealismus und schlankem Staat

Seit 2013 hat jedes Kind ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf Förderung in einer Kita oder der Kindertagespflege. Seitdem bauen Länder und Kommunen ihr Angebot an Betreuungsplätzen massiv aus. Unterdessen finden die Träger der Kindertagesbetreuung längst nicht mehr das benötigte Personal. Über diese und weitere Herausforderungen in den Sozial- und Erziehungsberufen haben wir mit GEW-Vorstandsmitglied Norbert Hocke, Leiter des Organisationsbereichs Jugendhilfe und Sozialarbeit, gesprochen.

magazin // Wenn über unfreiwillige Teilzeit von Beschäftigten gesprochen wird, werden meist die Erzieherinnen als Beispiel angeführt. Welche Themen brennen den Beschäftigten in Kindertagesstätten und Horten derzeit auch auf den Nägeln?

Norbert Hocke // Die schlechte Erzieher*in-Kind-Relation, die fehlende Vorbereitungszeit, die es gerade für Kolleg*innen in sozialen Brennpunkten unmöglich macht, sich zeitlich auf ein Elterngespräch vorzubereiten; alles nebenbei und in der Freizeit; die nichtvorhandene Krankheitsvertretung und die fehlende Freistellung vieler Leitungskräfte von der Gruppenarbeit belasten die Kolleg*innen, wie wir aus vielen Untersuchungen wissen. Das „Umsetzungs-Dilemma“, – man würde gern qualitativ gute Arbeit leisten, aber die Rahmenbedingungen lassen dies nicht zu – ist für die Sozialen Dienste einer der größten Belastungsfaktoren. Der Idealismus wird zur Krankheitsfalle.

magazin // Händeringend suchen viele öffentliche Träger der Kindertagesbetreuung nach passendem Personal. Wie könnte dem Fachkräftemangel abgeholfen werden?

Norbert Hocke // Hier haben wir in den letzten Jahren durch Untersuchungen der Hochschulen sehr genaue Daten und eindeutige Aussagen: bessere Rahmenbedingungen, eine attraktive Altersermäßigung und eine deutlich bessere Bezahlung. Die gemeinsamen Streiks 2015 des Sozial- und Erziehungsdienstes von GEW und ver.di waren ein deutliches Signal an die Arbeitgeber, den Beruf aufzuwerten. Wer Bildung von Anfang an will, der muss auch so bezahlen.

magazin // Im Zuge des Kitaausbaus ist die Qualität der frühkindlichen Bildung in den Hintergrund geraten. Die GEW fordert ein Kita-Qualitätsgesetz. Was würde sich damit ändern?

Norbert Hocke // Mit einem Kita-Qualitätsgesetz wollen wir die Strukturqualität verbessern und vereinheitlichen. Es ist nicht hinnehmbar, dass in einem Bundesland sechs Krippenkinder von einer Erzieherin betreut, erzogen und gebildet werden und in einem anderen drei. Die Vergleichbarkeit der Lebensverhältnisse muss – laut Grundgesetz – gewahrt sein. Es kann nicht vom Geldbeutel einer Kommune abhängen, welche Bildung und Betreuung unsere Kinder bekommen. Hier ist der Bund gefragt, endlich einzugreifen. Ähnlich wie beim Krippenausbau und beim Ganztagsschulprogramm muss der Bund sich dauerhaft an den Betriebskosten der Kitas beteiligen. Das Bundesfamilienministerium und die Jugendminister*innen der Länder haben einen Schritt in diese Richtung unternommen: Im Zwischenbericht „Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern“ schlagen sie ein Qualitätsentwicklungsgesetz vor, in dem sich der Bund dauerhaft verpflichtet, sich an den Kita-Kosten zu beteiligen.

magazin // In anderen Aufgabenbereichen des Sozial- und Erziehungsdienstes – etwa dem Kinderschutz – warnen die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter vor einem Personalnotstand und steigenden Fallzahlen. Kommt der Staat hier seiner Verantwortung noch ausreichend nach?

Norbert Hocke // Auch der Sozial- und Erziehungsdienst ist in den letzten Jahren der Wahnvorstellung eines „schlanken Staates“ zum Opfer gefallen. Die Sozialarbeiter*innen in den sozialen Brennpunkten können sich nicht zerreißen. Hier ein gefährdetes Kind aus einer Familie holen, gleichzeitig einen Vormund für einen geflüchteten Jugendlichen organisieren, ein Lehrer*innen Gespräch über eine Schulschwänzerin vorbereiten und durchführen und noch einen Hausbesuch mit dem Einzelfallhelfer bei Familie K. . Alles gleichzeitig und möglichst gerichtsfest dokumentieren. Die Bundesländer kommen in vielen Fällen ihrer Verantwortung (Wächteramt) gegenüber den jungen Menschen nicht nach. Aber auch hier gilt: Alle Untersuchungen und Hilferufe der Betroffenen sind auf taube Ohren gestoßen. Die Kosten zu den Hilfen zur Erziehung seien zu hoch, heißt es. Dabei verkennt die Politik, dass die gesellschaftlichen Bedingungen sich deutlich verschlechtert haben, etwa im Bereich von Familien, die von Hartz IV leben müssen. Die öffentlichen Freizeitaktivitäten in den Städten für Kinder und Jugendliche sind reduziert worden oder kosten nun Geld. Über die Jugendgewalt jammern, aber nicht auf die Fachkräfte hören, so wird Politik eine ganze Generation verlieren.

Quelle: Beamten-Magazin 02/2017

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