Gewalt richtet sich ausgerechnet gegen diejenigen, die im Ernstfall sofort zur Stelle sind; Interview

Gewalt richtet sich ausgerechnet gegen diejenigen, die im Ernstfall sofort zur Stelle sind

Die Statistiken belegen eine Zunahme an Gewalt gegenüber Beschäftigten des öffentlichen Dienstes. Boris Pistorius, Minister für Inneres und Sport in Niedersachsen, schildert im Interview mit dem Magazin für Beamtinnen und Beamte die Situation sowie Präventionsmaßnahmen im zweitgrößten Bundesland.

magazin // Laut Polizeilicher Kriminalstatistik nehmen Gewaltdelikte gegen Polizei-, Rettungs- und Feuerwehrkräfte in Deutschland zu. Wie sehen die Zahlen hierfür in Niedersachsen aus und werden Vorfälle gegenüber anderen Beschäftigten des öffentlichen Dienstes erfasst? 

Boris Pistorius // Lassen Sie mich zunächst ganz klar und deutlich sagen: Ich verurteile jede Form von Gewalt gegenüber Polizistinnen und Polizisten, Rettungskräften oder der Feuerwehr auf das Schärfste. Leider steigen die Zahlen bundesweit – mit Blick auf die Polizei noch ein wenig stärker und auf einem höheren Niveau als bei der Feuerwehr und den sonstigen Rettungskräften. Diese Entwicklung sehe ich mit Sorge. Denn die Gewalt richtet sich ausgerechnet gegen diejenigen, die für unsere tägliche Sicherheit sorgen und die im Ernstfall sofort zur Stelle sind. Und das kann nicht sein. Darum habe ich mich in Niedersachsen dafür eingesetzt, dass im aktuellen Haushalt rund vier Millionen Euro speziell für den Schutz und die Einsatzmittel der Polizei bereit stehen. So können jetzt beispielsweise flächendeckend bessere Schutzwesten angeschafft werden.

magazin // Welche Erkenntnisse gibt es zu den Ursachen körperlicher und verbaler Übergriffe auf Beschäftigte des öffentlichen Dienstes?

Boris Pistorius // Die wenig überraschende Antwort, untermauert von aktuellen statistischen Zahlen lautet: Zu den Angriffen kommt es ganz überwiegend dann, wenn Alkohol im Spiel ist. Fast zwei Drittel aller Tatverdächtigen, übrigens überwiegend junge Männer, waren bei der Tat alkoholisiert. Ich glaube, das muss gar nicht mehr groß wissenschaftlich analysiert werden, um daraus den Schluss ziehen zu können: Der Alkohol lässt Hemmungen fallen und ein Teil wird dadurch aggressiv – und das eben leider auch gegenüber der Polizei, der Feuerwehr oder den Rettungskräften. Klar ist aber auch: Natürlich ist übermäßiger Alkoholgenuss keine Ausrede für ein derart inakzeptables Handeln.

magazin // Inwieweit findet Prävention, zum Beispiel in Form von Deeskalationstraining, bereits in der Ausbildung statt? Gibt es eine gemeinsame Strategie der Innenminister der Länder?

Boris Pistorius // Gewalt vermeiden und reduzieren – dieses Thema ist ein Schwerpunkt der polizeilichen Aus- und Fortbildung in Niedersachsen und auch in den anderen Ländern. Und natürlich haben meine Amtskollegen und ich erst im vergangenen Jahr ganz intensiv darüber gesprochen, wie die Einsatzkräfte noch besser auf derartige Situationen vorbereitet werden können. Es gibt ja auch schon eine länderübergreifende Projektgruppe, die sich mit dem Thema Gewalt gegen Polizeibeamtinnen und -beamte befasst. Daraus sind bereits neue Ideen und Hinweise in die bisherigen Grundlagen der Aus- und Fortbildung geflossen, um sie noch weiter zu optimieren.

magazin // Wie sieht die Hilfe für Betroffene nach einer Gewalterfahrung aus und wie können Beschäftigte lernen mit der Angst vor einem weiteren Übergriff besser umzugehen?

Boris Pistorius // Selbstverständlich gilt auch hier: Durch gezielte Präventions- und Ausbildungs- bzw. Fortbildungsarbeit sollten Polizistinnen und Polizisten, aber auch die Feuerwehr und Rettungskräfte soweit es denn möglich ist, in die Lage versetzt werden, gar nicht erst Gewalt erfahren zu müssen. Wenn es dann aber doch so kommt, wird natürlich niemand allein gelassen mit möglichen Gewalterfahrungen. So gibt es dafür zum Beispiel bei der Polizei in jeder Behörde feste Ansprechpartner, die die Opfer beraten. Dazu gehören dann unter anderem Kriseninterventionsteams, der Medizinische Dienst, der Sozialwissenschaftliche Dienst oder eben auch regionale Beratungsstellen.

Quelle: Beamten-Magazin 03/2016

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