Lehrkräftebedarf: Musterbeispiel für Fehlsteuerung; Marlis Tepe; Kommentar

Foto: Kay Herschelmann

Lehrkräftebedarf:

Musterbeispiel für Fehlsteuerung

Von Marlis Tepe, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Der Lehrerarbeitsmarkt ist ein Musterbeispiel für Personalpolitik im öffentlichen Dienst, das sich besser niemand zum Vorbild nehmen sollte. Regelmäßig stellen wir entweder einen Mangel oder ein Überangebot an Lehrkräften fest, wird mal für das Lehramtsstudium geworben oder davor gewarnt. Aktuell haben wir beide Effekte zugleich. Ursache des Dilemmas sind unsichere Prognosen, sich ändernde Politikziele und Fehlanreize im System. Das Ergebnis ist eine nachhaltige Fehlsteuerung. Über Jahre hieß es, die Zahl der Schülerinnen und Schüler sinke und zugleich der Bedarf an Lehrkräften. Während die Bildungsexperten Gestaltungspotenziale sahen, waren die Begehrlichkeiten der Finanzminister nach Stellenstreichungen längst geweckt. Die Landesregierungen identifizierten ein enormes Sparpotenzial. Die Gefahr der Überalterung und kommender Personallücken wurde bewusst in Kauf genommen. Qualitative Verbesserungen im Bildungswesen unterblieben. Mittlerweile hat sich die Kernthese von den sinkenden Schülerzahlen als falsch erwiesen. Die Länder versuchen gegenzusteuern, sind aber mit den hausgemachten Problemen konfrontiert.

Dass in einigen Ländern Stellen unbesetzt bleiben, verwundert nicht. Die weiterhin große Zahl der Lehramtsstudierenden hilft dennoch kaum. In Bayern und NRW gehen sogar Lehrkräfte nach dem 2. Staatsexamen in die Arbeitslosigkeit. Betroffen sind überwiegend die Gymnasiallehrämter, deren höhere Besoldung und ein vermeintlich besseres Arbeitsumfeld für Studierende attraktiver erschienen. An Grund-, Haupt- und Realschulen ist die Besoldung niedriger und es wird mehr Teilzeit gearbeitet, was die Schere zwischen den Einkommen noch größer macht.

Lehrkräfte werden weiterhin gebraucht. Ganztag und Inklusion sind unvollendete Baustellen. Die große Zahl von Flüchtlingen fordert mehr qualifizierte Beschäftigte im Bildungswesen. Um der Fehlsteuerung entgegenzuwirken muss sich einiges ändern: Die Lehramtsausbildung muss breiter angelegt und frühe Spezialisierung vermieden werden, um schultypbezogene Überkapazitäten zu vermeiden, bedarfsgerecht einstellen und nachsteuern zu können. Die Bezahlungslücke zwischen Gymnasium und anderen Schulformen muss geschlossen werden. Anwärterinnen und Anwärter brauchen klare Perspektiven. Gerade jetzt zeigt sich: Am Bildungswesen darf nicht gespart werden.

Quelle: Beamten-Magazin 09/2015

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