Praxistest Vereinbarkeit von Familie und Beruf; Gewerkschaften

Praxistest Vereinbarkeit von Familie und Beruf

„Familienfreundlichkeit muss gesellschaftlich eine größere Bedeutung bekommen; vor allem im Betrieb, wo die Anforderung hundertprozentiger Verfügbarkeit und Familienfreundlichkeit einen unlösbaren Zielkonflikt eingehen.“ Das forderte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) auf einer Tagung zur „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, die der DGB gemeinsam mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Ende 2011 veranstaltete. Rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus der Privatwirtschaft und dem öffentlichen Dienst diskutierten über erfolgreiche Strategien und konkrete Maßnahmen, um in Betrieben und Behörden familienfreundliche Arbeitsbedingungen umzusetzen. Im Fokus des Erfahrungsaustausches standen vier Praxisbeispiele, die zeigen sollten, dass auch in Bereichen mit schwierigen Rahmenbedingungen familienfreundliche Ideen umgesetzt werden können.

Neue Wege gehen – Das Beispiel der Landespolizei Niedersachsen

Eines der Beispiele war die Landespolizei Niedersachsen, die sich schon früh mit dem Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf auseinandergesetzt hat und die gesellschaftspolitische Brisanz erkannte. Als eine von wenigen Institutionen nahm sie landesweit am Audit der „berufundfamilie GmbH“ teil. Die aktuellen Themen, die bei der Polizei Niedersachsen auf der Agenda stehen, sind Teilzeitarbeit für Führungskräfte und Pflege von Angehörigen.

Um beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf voranzukommen, müsse man „mit Tabus brechen, neue Wege gehen und kreativ nach vorne denken“, sagte Carsten Rose, Referatsleiter Personal des Landespolizeipräsidiums Niedersachsen. Er schilderte, wie es mit der Einführung von bedarfsorientierten Schichtmodellen zu einem Kulturwandel in der Gesamtorganisation gekommen sei. Die Schichtpläne werden drei Monate im Voraus aufgestellt, erläuterte Rose. Es gibt mindestens ein planbares Wochenende pro Monat und Gerechtigkeitslisten, damit Wochenenddienste gleichmäßig auf alle Beschäftigten verteilt werden. Das und eine Notfallbetreuung für Kinder rund um die Uhr, die sofort abrufbar ist, wenn ein Einsatz länger dauert als geplant, sei ein weiterer wichtiger Beitrag für die bessere Vereinbarkeit. Durch die freie Gestaltung der Dienstpläne in den Dienststellen, bei der sich die Beschäftigten einbringen können, habe man schon einiges für eine bessere Vereinbarkeit erreichen können, konstatierte Hauptpersonalrätin Elke Gündner-Ede. Die Einführung bedarfsorientierter Schichtmodelle war nicht unproblematisch, da feste Schichtgruppen aufgelöst und zu Pools zusammengefasst wurden. Auch die Abstimmungsprozesse in den Dienststellen mussten neu organisiert werden. Doch es zeigt sich, dass die Zeitbedürfnisse der Kolleginnen und Kollegen besser berücksichtigt werden konnten. Ein Angebot hob Elke Gündner-Ede besonders positiv hervor. Es richtet sich an Anwärterinnen und Anwärter der Kommissarslaufbahn: Sie können ihr Kind zum Studium an den Hochschulen der Polizei mitnehmen. Großen Handlungsbedarf sah die Hauptpersonalrätin allerdings noch bei der Akzeptanz von Teilzeitstellen für Führungskräfte. Teilzeit müsse größere Anerkennung finden. In den Beurteilungssystemen werde Teilzeit schlechter bewertet und habe Karrierenachteile zur Folge.

Vorrangig sei die „intelligente Bewirtschaftung“ von Teilzeitstellen, so die Einschätzung von Carsten Rose. Um Arbeitszeitreste sinnvoll verteilen zu können, werde im Moment zehn Prozent über Bedarf eingestellt, auch weil man damit rechne, dass in Zukunft mehr Teilzeitstellen geschaffen werden müssen. Gerade ältere Beschäftigte wünschten sich Teilzeit-Modelle. Schließlich betonte der Personalchef die Relevanz des Themas Pflege, die in einer älter werdenden Belegschaft zwangsläufig auch auf die Polizei zukomme.

Nachhaltige Personalmarketingstrategie in der Kreisverwaltung Soest

Das Thema Vereinbarkeit von Pflege und Beruf gewinnt auch in der Kreisverwaltung Soest, dem zweiten Praxisbeispiel aus dem öffentlichen Dienst, stärker an Bedeutung. Die Kreisverwaltung gründete eine Arbeitsgruppe zum Thema „Beruf und Pflege“ und initiierte eine Mitarbeiterbefragung, um zu erfahren, welche Beschäftigten aufgrund von Pflegeaufgaben in Teilzeit arbeiten. Für eine nachhaltige Personalmarketingstrategie werde man weiter an neuen Angeboten zu diesem Thema arbeiten. Besonders wichtig seien variable Arbeitszeitregelungen, insbesondere bei der Teilzeit. Die Kreisverwaltung bietet über fünfzig verschiedene Teilzeitmodelle an, die sich an den Bedürfnissen und Möglichkeiten der Beschäftigten orientieren. Neben den Arbeitszeitmodellen gibt es auch ein Eltern-Kind-Büro und ein Angebot zur Ferienbetreuung für Kinder.

Maßnahmen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf seien ein wichtiger Wettbewerbsfaktor, betonte Kreisdirektor Dirk Lönnecke: „Wir wollen gute Mitarbeiter, die bekommen wir auch über Angebote im Bereich Familienfreundlichkeit.“ Der Personalratsvorsitzende Norbert Kelbert wies darauf hin, dass das Selbstverständnis der Führungskräfte und deren Offenheit für individuelle Regelungen – auch außerhalb von Dienstvereinbarungen – ein wichtiger Faktor für gute Vereinbarkeitsbedingungen sei.

Die besondere Verantwortung von Führungskräften hob auch Josef Hecken hervor, Staatssekretär im Bundesfamilienministerium. Häufig fehle es in der mittleren Managementebene an Akzeptanz für familienbewusste Arbeitsgestaltung, stellte er in der Abschlussdiskussion fest. Hier seien die Führungskräfte, aber auch Betriebs- und Personalräte gefordert, das Thema auf die Agenda zu setzen und selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Mit der DGB-Vize Ingrid Sehrbrock stimmte er darin überein, dass die Politik die Rahmenbedingungen für eine bessere Vereinbarkeit setzen müsse. „Wer die Arbeitszeiten regelt, bestimmt auch die Familienzeit und die Freizeit mit“, machte Sehrbrock deutlich.

Mehr Informationen:

Eine ausführliche Dokumentation der Tagung und weitere Informationen finden Sie im Internet unter www.familie.dgb.de.

Quelle: Beamten-Magazin 01/2012

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