„Der Lehrerberuf ist ein Schlüsselberuf“; Ilse Schaad; Interview

„Der Lehrerberuf ist ein Schlüsselberuf"

Vor zwei Jahren hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bildungsrepublik ausgerufen. Die Realität ist davon weit entfernt. Was sich ändern muss, damit Lehrerinnen und Lehrer ihrem Bildungsauftrag gerecht werden können, verrät die Leiterin des Arbeitsbereichs Angestellten- und Beamtenpolitik im GEW-Hauptvorstand Ilse Schaad.

Bund und Länder haben sich beim dritten Bildungsgipfel im Juni dieses Jahres nicht auf die Finanzierung der geplanten Investitionen für Bildung und Forschung einigen können. Was bedeutet das für den Alltag in deutschen Schulen?

Es bedeutet, dass es auf dem niedrigen Niveau, das Ergebnis von 20 Jahren Kürzungspolitik ist, weitergeht wie bisher. Dabei besteht weitgehend Einigkeit über das, was sich ändern müsste. In Deutschland entscheidet nach wie vor die Herkunft über den Bildungserfolg. Andere Länder in Europa sind da weiter. Bildung, Ausbildung und Forschung bilden den Kern der Strategie EU 2020. Es kann keine „intelligentere, grünere soziale Wirtschaft, getragen vom zentralen Einsatz von Wissen" (Konsultationspapier der EU-Kommission) geben, ohne Chancengleichheit beim Zugang zu qualitativ hochwertiger Bildung auf allen Ebenen, von der frühkindlichen Bildung bis zur Forschung, zu gewährleisten. Der Erfolg ist abhängig von Investitionen vor allem in die Menschen, die unterrichten oder ausbilden.

Die GEW kämpft seit langem für die Angleichung der Bezahlung zwischen den Schulformen und zwischen Beamten und Angestellten. Mit welchen Argumenten?

Die Struktur der Bezahlung der Lehrkräfte ist wie vor hundert Jahren. In den 1970er Jahren wurde aber die gesamte Lehrerausbildung grundsätzlich an die Universitäten verlagert – ein Riesenfortschritt, denn zuvor waren nur die Lehrkräfte für die höheren Bildungsanstalten akademisch ausgebildet und damit dem höheren Dienst zugeordnet. Der Änderung der Lehrerausbildung folgte besoldungsrechtlich – nichts! Bis heute werden Lehrkräfte an Grund-, Hauptund teilweise Realschulen nur dem gehobenen Dienst zugeordnet – trotz Uni-Abschluss! Diese Benachteiligung gegenüber allen Anderen Akademikern im öffentlichen Dienst lebt in den „neuen" Beamtengesetzen fort, die jetzt in allen Bundesländern verabschiedet werden. Dabei bezweifelt heute kaum noch jemand, dass das Unterrichten kleinerer oder leistungsschwächerer Kinder anders, aber keineswegs weniger anspruchsvoll ist. Noch gibt es für angestellte Lehrkräfte keine tariflichen Eingruppierungsregeln, sondern ein einseitiges Bestimmungsrecht der Arbeitgeber mit Orientierung am Beamtenrecht. Die Unterschiede im Nettoeinkommen zwischen Beamten und Angestellten in gleicher Tätigkeit sind immer weiter auseinander gelaufen. Der Grund hierfür liegt zunächst im Steuer- und Sozialversicherungsrecht. 1970 lag der Arbeitnehmeranteil zur Sozialversicherung bei 26,5 Prozent, heute sind es 39,5 Prozent. Seit der Umstellung vom BAT auf den TV-L hat sich die Situation noch verschärft, denn nunmehr liegen bereits die Bruttogehälter der Berufsanfänger im Angestelltenverhältnis etwa 10 Prozent unter der Bruttobesoldung vergleichbarer Beamter. Deshalb wollen wir endlich tarifvertraglich eine bessere Eingruppierung der Angestellten durchsetzen. Lehrkräfte sind die größte und einzige Beschäftigtengruppe im öffentlichen Dienst, für die es keinen Entgelttarifvertrag gibt. Das muss sich ändern.

Gibt es gute Gründe, auch heute noch den Lehrberuf zu ergreifen?

In anderen europäischen Ländern ist längst erkannt worden, dass gerade die Besten für den Lehrerberuf gewonnen werden müssen und dass der Lehrerberuf ein Schlüsselberuf für die wirtschaftliche und kulturelle Zukunft eines Landes ist. Lehrerinnen und Lehrer leiden zwar unter der hohen Arbeitsbelastung und den schlechten Rahmenbedingungen. Wer die Arbeit mit jungen Menschen liebt und hohe Verantwortung als Herausforderung begreift, ist richtig für diesen Beruf. Lehrkräfte müssen allerdings trotzdem endlich lernen, für ihre Interessen zu kämpfen – nur so können sie auch ein glaubwürdiges Vorbild für ihre Schüler, Auszubildenden und Studierenden sein.

 Zur Person

  • 1949 in Darmstadt geboren
  • Lehramtsstudium Deutsch/Englisch in Frankfurt a. M.
  • 1988 Leiterin des Referats Angestellten- und Beamtenpolitik der GEW Berlin
  • seit 2005 Mitglied des GEW-Hauptvorstandes, verantwortlich für Angestellen- und Beamtenpolitik


Quelle: Beamten-Magazin 08/2010

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