Die Gewerkschaften brauchen einen Gesellschaftsentwurf; Professor Oskar Negt; Interview

Die Gewerkschaften brauchen einen Gesellschaftsentwurf

Vor 20 Jahren attestierte Professor Oskar Negt dem Deutschen Gewerkschaftsbund Garant der Menschenrechte zu sein. Zugleich mahnte er eine Politik gewerkschaftlichen Handels an, „… die dem Tatbestand DGB lebendigen Geist und Zukunftsfähigkeit verleiht.“ Das „Magazin für Beamtinnen und Beamte“ wollte wissen, wie der DGB heute – im 60. Jahr seines Bestehens – für gegenwärtige und
künftige Herausforderungen aufgestellt ist.

Herr Professor Negt, hat der DGB in den vergangenen 20 Jahren die Anforderungen an eine zukunftsfähige Gewerkschaftsorganisation erfüllt?

Die Strukturveränderungen des Kapitalismus in den vergangenen 20 Jahren haben die erfolgsgewohnten Gewerkschaften der Sozialstaatsphase der Nachkriegszeit vor ganz neue Probleme gestellt. Zurzeit könnte ich nicht sagen, dass eine Selbstverständigungsdebatte darüber in einem die Öffentlichkeit erregenden Ausmaße stattgefunden oder auch nur begonnen hätte. Ich spreche bewusst von öffentlich wirksamen Debatten, denn in meinen zahlreichen Diskussionen mit Gewerkschaftern auf nahezu allen Organisationsebenen konnte ich mit großer Befriedigung feststellen, dass mannigfaltige private Äußerungen den Reformdruck deutlich spüren lassen, dem die gewerkschaftlichen Handlungsfelder ausgesetzt sind.

Wie sieht eine Politik gewerkschaftliches Handelns aus, die Menschen für gewerkschaftliche Ziele begeistern kann?

Meine Vorstellungen gehen klar in die Richtung gesellschaftspolitischer Erweiterungen des gewerkschaftlichen Selbstverständnisses und entsprechender Handlungsfelder. Verteidigung erworbener Rechte, Kampf um den Erhalt von Arbeitsplätzen – das sind gewiss Urprinzipien der Gewerkschaftsidee. Das reicht aber nicht mehr aus, um die Menschen davon zu überzeugen, dass die Existenz von Gewerkschaften für sie lebensnotwendig ist. Hierfür bedarf es eines mutigen und lebendigen Entwurfs einer alternativen Gesellschaft. Man kann auch sagen: Dazu bedarf es einer Gesellschaftsutopie, aus der konkretes gewerkschaftliches Handeln seine Zukunftsorientierung bezieht.

Wie muss sich der DGB weiterentwickeln, damit er künftige Herausforderungen bewältigen kann?

Um sich als gesellschaftspolitische Kraft mit einem eigenen Sprach- und Symbolspektrum wieder öffentlich sichtbar zu machen, muss das gewerkschaftliche Mandat nach meiner Überzeugung in vier Richtungen erweitert werden: Die Interessenwahrnehmung muss erstens auf jene wachsenden Schichten erweitert werden, die keinen Arbeitsplatz mehr finden oder in fortwährend prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen existieren. Außer betriebliche Organisationszentren sind deshalb unabdingbar. Die gewerkschaftliche Zukunftsfähigkeit hängt zweitens davon ab, wie es gelingt, in den traditionellen Zusammenhang der Erwerbsarbeit jene Arbeitsformen einzubeziehen, die unterhalb dieser Wirklichkeitsschicht liegen und
gar nicht entlohnt oder skandalös unterbezahlt werden: Beziehungs- und Pflegearbeit in jeglicher Form. Drittens muss die Kulturarbeit erweitert werden. Es ist bestürzend wahrzunehmen, wie die Gewerkschaften in ihrem politischen Symbolgehalt und ihrer Sprache aus der Öffentlichkeit verschwunden sind. Die Erweiterung ihres kulturellen Mandats ist keine Frage des dekorativen Beiwerks der „harten Materie“ der Tarifpolitik, auf das man notfalls auch verzichten kann. Die Kulturdimension berührt Überlebensfragen der Gewerkschaften. Schließlich geht es um das politische Mandat, um den überzeugenden und sichtbaren Entwurf einer vernünftig und gerecht eingerichteten Gesellschaft. Verlieren Gewerkschaften diesen aus der Geschichte sozialer Bewegungen bezogenen Status, dann rangieren sie allmählich auf der Vergleichsebene normaler Interessenverbände.

 Zur Person

  • 1934 in Ostpreußen geboren
  • bis 2002 Hochschullehrer an der Leibniz Universität Hannover




Quelle: Beamten-Magazin 11/2009

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