„Das Zertifikat allein bringt nichts“; Renate Schmidt; Interview

„Das Zertifikat allein bringt nichts“

„10 Jahre berufundfamilie – eine Idee macht Karriere“ wirbt die Initiative der gemeinnützigen Hertie-Stiftung auf ihrer Website. Zahlreiche Landes- und Kommunalverwaltungen sind in dieser Zeit ausgezeichnet worden. Bis Ende 2009 werden auch alle Bundesministerien das begehrte Zertifikat erhalten haben. „Das „Magazin für Beamtinnen und Beamte“ sprach mit der stellvertretenden Kuratoriumsvorsitzenden und ehemaligen Bundesfamilienministerin Renate Schmidt.

Bis Jahresende sollen alle Bundesministerien ein Zertifikat für die Teilnahme am Audit erhalten haben. Was folgt nun daraus?

Man macht Zielvorgaben. Das ist die erste Stufe. Dann geht es darum, dass diese eingehalten werden. Mir kommt es darauf an, dass das Audit nicht eine Einmal-Tat ist, sondern als kontinuierliche Aufgabe gesehen wird. Wenn nur ein schönes Zertifikat an der Wand hängt, bringt das nichts. Das Zertifikat ist die Bestätigung dafür, dass schon etwas getan wurde. Aber die zweite Stufe ist mir noch wichtiger: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss in der Unternehmenskultur gelebt werden. Dazu muss sie Anliegen der obersten Führungsebene sein. Die muss das mittlere Management einbinden. Ich habe schon zu meiner Zeit als Ministerin begonnen, in meinem Ministerium die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verwirklichen.

Wie sind Sie vorgegangen?

Ich habe gesagt: Kein Mitarbeiter, keine Mitarbeiterin soll davon abgehalten werden, Karriere zu machen, weil er oder sie Beruf und Familie nicht vereinbaren kann. Wir haben Einrichtungen für die Kinderbetreuung vorgehalten und Väter ermutigt, Elternzeit zu nehmen. Es gab sehr breit Teilzeit und Möglichkeiten, von zu Hause zu arbeiten. Die Ziele müssen konsequent verfolgt werden, dazu ist es auch erforderlich, dass der Personalrat eingeschaltet ist. Es gibt natürlich auch Vorgesetzte, die sagen, bei mir ist Teilzeit nicht möglich.

Auch manche Kollegen sind nicht begeistert …

Man darf die Schuld nicht immer auf die bösen Arbeitgeber schieben. Häufig sind es Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen ohne Familienverpflichtung oder Kinder, die fragen, wie so andere von zu Hause arbeiten dürfen. Das bedeutet nicht, dass man dann nichts tut. Familie und Beruf vereinbaren müssen aber nicht nur diejenigen, die Kinder erziehen. Viel mehr Menschen kümmern sich heute um ältere Angehörige. Diese Art von Familie haben nahezu alle. Deshalb sollte der Arbeitgeber sie auch bei der Beratung und bei Angeboten für Pflegebedürftigkeit unterstützen.

Welche Instrumente müssen stärker zum Zuge kommen, um mehr Männer anzusprechen?

Wir müssen gesetzlich dazu kommen, dass es mehr Vätermonate gibt und das Elterngeld auf eineinhalb Jahre ausgedehnt wird. Eine hälftige Teilung der Monate zwischen Mann und Frau hätte den Vorteil, dass es für Behörden und Unternehmen genauso „risikoreich“ wäre, einen Mann einzustellen wie eine Frau.

Hätten Sie sich als Mutter das Audit früher gewünscht?

Ich hatte großes Glück, weil ich in einem Betrieb als Programmiererin gearbeitet habe, in dem die Vorgesetzten schon in den 60er Jahren das betrieben, was man heute Work-life-balance nennt. Ich habe Gleitzeit gearbeitet, konnte von zu Hause arbeiten, wenn meine Kinder krank waren, es gab einen Betriebskindergarten. Wenn ich mir allerdings Kolleginnen anschaue, war ich privilegiert. Ich glaube, die Geburtenrate wäre nicht so am Boden, wenn es das Audit gegeben hätte.

 Zur Person

  • 1943 in Hanau/Main geboren
  • Programmiererin und Systemanalytikerin
  • 1980 bis 2009 Bundestags- bzw. Landtagsabgeordnete; u. a. Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages
  • 2002 bis 2005 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend



Quelle: Beamten-Magazin 8/2009



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